Irrtümer und Halbwahrheiten richtig gestellt – Die Energetische Gebäudesanierung im differenzierten Faktencheck

0

Faktencheck 1: Die „Wir-haben-schon-mal-begonnen-Falle“

Es ist nachvollziehbar, dass die Planung und der Beginn einer Gebäudesanierung mit deutlich mehr Emotionen erfolgen als das langweilige Ausfüllen von Förderanträgen. Deshalb ist man schnell verführt, als erstes die Handwerker zu beauftragen und loszulegen. Doch das ist eine teure und ärgerliche Falle. Der richtige Weg zur vollständigen Gebäudesanierung mit 40 bis 50 Prozent Zuschuss beginnt mit einer Energieberatung. Beispielsweise bietet das baden-württembergische Informations-programm „Zukunft Altbau“ unter www.zukunftaltbau.de ein Netzwerk aus engagierten Energieberatern an. Darüberhinaus gibt es ein Beratungstelefon: 08000 12 33 33, damit die Schwelle zur Energieberatung niedrig ist.

Hinweis: Wer mit der Sanierung der Immobilie beginnt, ohne zuvor die Förderzuschüsse beantragt zu haben, verliert schnell einen fünf- bis sechsstelligen Betrag.

Im Zuge der Energieberatung wird ein „individueller Sanierungsfahrplan“ (iSFP) erstellt, der die einzelnen Maßnahmen beschreibt. Meist genügen eine 24 cm dicke Dachdämmung, eine 16 cm dicke Fassadendämmung, eine 10 cm dicke Kellerdeckendämmung sowie dreifach verglaste Fenster plus der Einsatz regenerativer Energien (Sonnenenergie, Umweltwärme, Biomasse), um das Haus auf den Status „klimaneutral bewohnbar“ zu heben. Das Beste: Mit dem iSFP bekommt man zusätzlich fünf Prozent Zuschuss – bezogen auf die gesamte Investition.

Faktencheck 2: Sanieren im bewohnten Zustand

Kann bei einem Ein- oder Mehrfamilienhaus die energetische Sanierung so geplant und organisiert werden, dass man während der Sanierung im Gebäude wohnen bleiben kann? Das ist gerade bei Mehrfamilienhäusern ein wichtiger Schlüssel in Richtung Klimaschutz. Strategischer Ansatz: Es werden zwei Bereiche separat betrachtet. Die Gebäudehülle (1), bestehend aus Dach, Fassade, Fenster und Keller für die Energieeffizienz (Reduktion der Wärmeverluste) und die Haustechnik (2), bestehend aus Energieerzeugung wie etwa Photovoltaikmodule auf dem Dach, Wärmeerzeugung (beispielsweise über eine Wärmepumpe), Wärmetransport (Vorlauf- und Rücklaufleitung) sowie Wärmeübertragung in die Räume (Heizkörper, Flächenheizung). Die energetische Sanierung der Gebäudehülle kann nahezu vollständig von außen erfolgen. Das Dach wird von außen neu gedämmt oder es werden Dachmodule auf den vorhandenen Dachstuhl gelegt. Vorgefertigte Fassadenelemente inkl. Fenster können von außen montiert werden. Die alten Fenster werden, sobald die Fassaden-Fenster-Elemente von außen montiert wurden, von innen herausgetrennt. Die dann deutlich tiefere Laibung wird verkleidet.

Hinweis: Wenn eine Bad-Sanierung geplant wird, ist das nur mit einem gewissen Aufwand möglich. Aber auch hierfür gibt es erprobte Baukästen, die eine schnelle  Sanierung im bewohnten Zustand erlauben (www.blome.org).

Sanierung der Haustechnik: Die Vor- und Rücklaufleitungen können unterhalb der Decke vom Treppenhaus in den Wohnungsflur gelegt werden und die neue Deckenheizung ansteuern. Hierfür gibt es verschiedene System-Lösungen, die eine Sanierung im bewohnten Zustand erlauben. Die Fußböden und die alten Heizkörper spielen keine Rolle, die Möbel können bei einigen Systemen sogar weitgehend stehen bleiben.

Faktencheck 3: Neue Gasheizung: Ist die noch zeitgemäß?

Hier braucht man eigentlich keinen Faktencheck zu machen. Fossiles Gas verursacht weitere CO2-Emissionen. Auch wenn immer wieder werbewirksam von „Biogas“ die Rede ist (klingt gut), so stehen wir offenbar kurz vor der Inbetriebnahme der zweiten Gas-Pipeline durch die Ostsee. Und da fließt dann kein Biogas nach Deutschland. Entgegen der eigenen Klimaziele investiert Deutschland derzeit rund 14 Milliarden Euro in den weiteren Ausbau der Gas-Infrastruktur – die man gar nicht brauchen würde, wenn wir etwa unsere Häuser energetisch modernisieren würden. Das rechnet sich von Anfang an – siehe Faktencheck 4.

Faktencheck 4: Geheimes Dokument beweist: Energiesparen rechnet sich von der ersten Sekunde an

Die Überschrift war in der Oktober-Ausgabe mit einem großen Augenzwinken gemeint. Wenn etwas als „geheim“ eingestuft wird, dann schauen alle besonders genau hin. Natürlich ist die Wirtschaftlichkeits-Berechnungsmethodik des Bundesverband Gebäudemodernisierung nicht geheim, sondern für jeden zugänglich. Wir möchten die umfangreiche Rechenformel auf zwei einfache Beispiele runterbrechen:

  1. Wann amortisiert sich eine Wärmedämmung? Antwort: Nach null Sekunden. Das kann ganz einfach ausgerechnet werden. Ein Wärmedämmverbundsystem für die Fassade kostet rund 150 Euro pro Quadratmeter, 45 Prozent davon gibt es im Zusammenhang mit einer Sanierung zum „Effizienzhaus 70 EE“ als Zuschuss. Es verbleiben noch 82,50 Euro. Werden diese über 20 Jahre finanziert und getilgt, liegen Zins und Tilgung bei etwa 4,50 Euro pro Jahr. Die Energieeinsparung beträgt bei den aktuellen Energiepreisen etwa 5,70 Euro pro Quadratmeter und Jahr. Somit macht man mit einem Quadratmeter Wärmedämmung von Anfang an einen Gewinn von 1,20 Euro pro Jahr.
  2. Man kann mit diesem Beispiel noch weitergehen. Wenn an einem Ein- oder Zweifamilienhaus eine größere Sanierungs- oder Renovierungsmaßnahme in einer Dimension von rund 10.000 Euro ansteht, dann ist es unterm Strich preiswerter, rund 100.000 Euro zusätzlich in die Hand zu nehmen und das gesamte Haus zum „Effizienzhaus 70 EE“ zu sanieren. Diese Aussage klingt auf den ersten Blick unseriös: 100.000 Euro mehr in die Hand nehmen? Ja! Denn es werden 45 Prozent davon als Zuschuss über die neue Bundesförderung für effiziente Gebäude ausgeschüttet. Verbleiben noch 55 Prozent (ca 55.000 Euro), die man selbst – beispielsweise über 20 Jahre – finanzieren muss. Zins und Tilgung sind auch hier kleiner als die prognostizierten Energiekosten in den nächsten 20 Jahren.

Zusammengefasst: Rund die eine Hälfte der Sanierungskosten wird über Zuschüsse bezahlt, die andere Hälfte über eingesparte Energiekosten. Die Wertsteigerung des Gebäudes, die hohe Behaglichkeit sowie den eigenen Beitrag für den Klimaschutz gibt es quasi ohne Aufpreis dazugeschenkt.

Text: Dipl.-Ing. Ronald Meyer, Bild:

Kommentare sind geschlossen.